Murakami, Haruki

Die Ermordung des Commendatore, Bd.1

Dumont Verlag,

Roman

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Die Ermordung des Commendatore, Bd.1

Murakami, Haruki

Die Ermordung des Commendatore, Bd.1

Dumont Verlag, 2018


Dieses Buch habe ich mit großer Begeisterung gelesen. Murakami ist ein meisterhafter Erzähler, der es versteht, den Leser nahezu in sein Buch und das Geschehen hineinzuziehen. Spannend entwirft es das Bild eines Malers, der nach sechs Ehejahren überraschend von seiner Frau verlassen wird und sich in die Berge Japans zurückzieht. Dort begegnet er einem zunächst unnahbar wirkenden Mann aus der Nachbarschaft, der sich von ihm portraitieren lassen möchte. Geheimnisvoll zurückhaltend und gleichzeitig seine Gesellschaft suchend beginnt dieser Mann immer mehr Einfluss auf das Leben des Malers zu nehmen, dem dieser sich nicht zu entziehen vermag….Murakami gelingt es, die typische japanische Lebenswelt authentisch zu vermitteln, man sieht die Japaner in ihrer leisen und höflichen Art förmlich vor sich, spürt ihre äußerlich immer korrekte, fast unterwürfige Zurückhaltung, und gleichzeitig die allgegenwärtige mystische Atmosphäre, die dieses Land umgibt. Ich freue mich schon auf den zweiten Band.

Karin Bräunig

Delius, Christian F.

Die Zukunft der Schönheit

Rowohlt Verlag,

Roman

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Die Zukunft der Schönheit

Delius, Christian F.

Die Zukunft der Schönheit

Rowohlt Verlag, 2018


Christian F. Delius hat nochmals eine sehr außergewöhnliche autobiographische Erzählung geschrieben. Als junger Mann findet er sich 1966 zufällig in einem Jazzlokal in New York wieder. Die unbekannte Musik des improvisierten Free Jazz trifft ihn zunächst wie ein Schock, nichts ist verständlich, die Töne treffen ihn wie Schläge, nichts passt zusammen. Doch dann beginnt er, die Freiheit der Instrumente zu erfassen, ihre Rolle zu verstehen und, inspiriert durch die Klänge des Saxophons, der Geige, der Trompete, des Schlagzeugs, abzuschweifen in die Gegenwart: den Mord an Kennedy, den Vietnamkrieg, den Börsenlärm, den Kampf der Schwarzen, die Studentenproteste. Und dann leiten ihn die Töne zu seiner eigenen Vergangenheit, dem unsicheren Beginn seines Schreibens sowie insbesondere dem nie bewältigten Konflikt mit seinem Vater. Es ist faszinierend, wie es Delius gelingt, Musik und Sprache so zu verbinden, dass das eine aus dem anderen hervorgeht: von der Musik stimulierte Erinnerungen. Und so, wie sich allmählich ein (Hör-)Verständnis gegenüber dieser irritierenden neuen Musik einstellt, findet Delius einen neuen Zugang zu sich selbst. Ein faszinierendes Buch.

Karin Bräunig

Whitehead, Colso

Underground Railroad

Hanser Verlag,

Roman

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Underground Railroad

Whitehead, Colso

Underground Railroad

Hanser Verlag, 2017


Wenn Sie Lust haben, noch mal einen Roman über die Zeit der Sklaverei in Amerika zu lesen, dann ist der neue Roman von Colson Whitehead genau das Richtige für Sie. Erinnerungen an Onkel Toms Hütte und den Film „Django unchained" haben mich bei diesem bewegenden Buch über die dunkle Zeit Amerikas begleitet. Es ist die Geschichte der jungen schwarzen Sklavin Cora, die auf den Baumwollfeldern Georgias von der Flucht in ein besseres Leben träumt. Die Flucht gelingt dank einer (fiktiven) Underground Railroad, mit der eine eingeschworene Gruppe von Helfern die Schwarzen auf unterirdischen Wegen in die Freiheit führt. Cora kämpft sich gegen alle Widerstände in die Freiheit, sie lässt sich nicht von Rückschlägen entmutigen, sie findet ihre große Liebe und verliert sie wieder, um am Ende einer unbekannten Zukunft entgegen zu gehen. Ein unterhaltsames, bewegendes Buch, spannend bis zur letzten Seite.

Karin Bräunig

Lemaitre, Pierre

Drei Tage und ein Leben

Klett Cotta Verlag,

Roman

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Drei Tage und ein Leben

Lemaitre, Pierre

Drei Tage und ein Leben

Klett Cotta Verlag, 2017


In einem kleinen Dorf in Frankreich erschlägt der 12-jährige Antoine im Streit unabsichtlich den 6-jährigen Rèmi. Erschrocken und verstört versteckt er ihn im Wald unter einem umgestürzten Baum. Die Suchaktion des gesamten Dorfes wird unterbrochen durch den Sturm Lothar, der große Verwüstungen anrichtet. Antoines tat bleibt unentdeckt und begleitet ihn sein Leben lang.

Pierre Lemaitre beschreibt spannend und ergreifend zugleich, wie Sekunden über ein ganzes Leben entscheiden. Die große Frage von Schuld und Sühne wird neu gestellt. Ein sehr lesenswertes Buch.

Karin Bräunig

Janesch, Sabrina

Die goldene Stadt

Rowohlt Berlin Verlag,

Roman

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Die goldene Stadt

Janesch, Sabrina

Die goldene Stadt

Rowohlt Berlin Verlag, 2017


Mit viel Zeitkolorit und Begeisterung für ihren Helden Augusto Berns erzählt Sabrina Janesch spannend die Geschichte der Entdeckung von Machu Picchu. Als Rudolph Berns, Sohn eines rheinischen Weinhändlers, dessen privilegierte Kindheit durch den Tod des Vaters abrupt endet, verlässt er Deutschland, um in seinem Traumland Peru das El Dorado, die Goldene Stadt, zu finden. Als Augusto Berns verdingt er sich in Peru als Soldat, wird Landvermesser und Ingenieur, zieht monatelang durch die Regenwälder. Berns entdeckt Machu Picchu und wir Leser gehen gebannt mit auf die Reise.

Ilona Lang

Arudpragasam, Anuk

Die Geschichte einer kurzen Ehe

Hanser Berlin Verlag,

Roman

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Die Geschichte einer kurzen Ehe

Arudpragasam, Anuk

Die Geschichte einer kurzen Ehe

Hanser Berlin Verlag, 2017


„ Glück und Trauer sind etwas für Leute, die Kontrolle über das haben, was ihnen passiert" sagt Ganga auf die Frage von Dinesh, ob sie jetzt, wo sie doch verheiratet sind, glücklich sei. Ganga und Dinesh haben auf der Flucht vor dem Krieg in einem Flüchtlingslager Zuflucht gefunden und sich dort auf Vermittlung von Gangas Vater kennengelernt und geheiratet. Ihnen bleibt für ihre Ehe ein Abend und eine Nacht. Dinesh hat „nur" sich, seinen Körper und seine Seele, die er in die Ehe einbringen kann und er ist unsicher, ob er genügt. Mit welch liebevoller Zuneigung sich Dinesh Ganga nähert schnürt mir das Herz zusammen, vor dem Hintergrund der alltagtäglichen Grausamkeiten.

Ilona Lang

Knecht, Doris

Alles über Beziehungen

Rowohlt Verlag,

Roman

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Alles über Beziehungen

Knecht, Doris

Alles über Beziehungen

Rowohlt Verlag, 2017


Victor, ein alternder Casanova, verstrickt sich in die Händel, die sich durch die parallele Fortführung mehrerer Liebesverhältnisse ergeben. Fast fünfzigjährig kann er sich einfach nicht zu einer klassischen Familiengründung durchringen und errichtet ein gigantisches Konstrukt aus Lügen, Hinhaltetechniken und Selbstbetrug. Doris Knecht berichtet witzig, gescheit und auch ein bißchen traurigmachend aus der Welt der modernen, vermeintlich freien Liebe. Nebenbei erhält der Leser amüsante Einblicke ins intrigenreiche Millieu der Theaterleute.

Anton Haberditzl

Danler, Stephanie

Sweetbitter

Aufbau Verlag Verlag,

Roman

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Sweetbitter

Danler, Stephanie

Sweetbitter

Aufbau Verlag Verlag, 2017


Eine junge Frau kommt aus der Provinz nach New York und braucht einfach nur einen Job. Durch einen Zufall wird sie Kellnerin in einem Gourmet-Restaurant und gerät mit Haut und Haaren in ein Paralleluniversum. Die Sternegastronomie ist eine eigene faszinierende Welt - ein Gespinst aus ungeschriebenen Gesetzen, wechselnden Hierarchien und (mal abgesehen vom schamlosen Gästebetrug) natürlich vor allem der alles überstrahlenden Forderung: Genuß zu ermöglichen. Den Initiationsriten, die damit verbunden sind, unterwirft sich die Protagonistin willig. Ein sehr sinnlicher Roman.

Anton Haberditzl

Wodin, Natascha

Sie kam aus Mariupol

Rowohlt Verlag,

Biografie

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Sie kam aus Mariupol

Wodin, Natascha

Sie kam aus Mariupol

Rowohlt Verlag, 2017


Natascha Wodin, heute Anfang 70, wußte jahrzehntelang so gut wie nichts über ihre Mutter, außer daß sie lebensuntüchtig und verzweifelt war, bevor sie sich als junge Frau das Leben nahm. Daß sie am Ende des Krieges aus der Ukraine verschleppte Zwangsarbeiterin in Nürnberg war, wußte die Tochter natürlich, aber nichts über ihren familiären Hintergrund und ihr Leben vor dem Krieg. Durch einen Zufallstreffer im Internet erfuhr die Autorin über einen begnadeten Rechercheur in Rußland vor wenigen Jahren in verschiedenen Etappen extrem viel über ihre Herkunft, plötzlich hatte sie 300 Verwandte. Dieser Teil des Buches, in dem die zunächst stockenden und dann reichhaltig fließenden Informationen ausgebreitet werden, liest sich spannend wie ein Kriminalroman. Unter anderem erhält sie das ergiebige Tagebuch einer Tante. Ähnlich wie bei Nino Haratischwili ("Das achte Leben") erhält man erschütternde Einblicke in die unvorstellbar grausamen Verwerfungen für die Bevölkerung der damaligen Sowjetunion. Noch ergreifender aber empfand ich die Beschreibungen aus eigener Anschauung - das Leben als Kind einer ehemaligen Zwangsabeiterin im Nachkriegsdeutschland wird unsentimental und damit umso eindrücklicher geschildert. Es ist unfaßlich, was Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in weiten Teilen Europas ertragen mußten. Vollkommen zu recht hat Wodin den diesjährigen Leipziger Buchpreis erhalten.

Parks, Tim

Thomas & Mary

Antje Kunstmann Verlag,

Roman

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Thomas & Mary

Parks, Tim

Thomas & Mary

Antje Kunstmann Verlag, 2017


Tim Parks erzählt vom langen Dahinsiechen einer Ehe bis hin zum endgültigen Scheitern. Bis in die tiefsten Verästelungen hinein werden all die kritischen Momente, die eindeutigen und versteckten Signale für das drohende Ende der Beziehung von Thomas und Mary dargeboten. Eine "ganz normale" Mittelstands-Ehe mit zwei halbwüchsigen Kinden, einem schönen Haus und allem, was dazugehört - und doch knirscht es im Gebälk. Dies wird aus allerlei Perspektiven - mal er, mal sie, mal die Kinder, die Freunde und Geliebten - geschildert und so entsteht ein schlüssiges Gesamtbild. Der Autor lässt aber immer durchblicken, dass es auch anders hätte kommen können - er hat sogar für die deutsche Übersetzung der ganzen Darstellung nochmal einen anderen Akzent hinzugefügt. Mit beherztem Zugriff auch auf scheinbar banale Details, großem Realismus und natürlich auch wunderbar britischem Humor wird die Lektüre trotz des betrüblichen Themas zum großen Vergnügen.

Anton Haberditzl

Dones, Elvira

Hana

Ink Press Verlag,

Roman

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Hana

Dones, Elvira

Hana

Ink Press Verlag, 2016


Hana, Studentin der englischen Literatur in Tirana in den neunziger Jahren des 20.Jahrhunderts, akzeptiert aus eigenen Willen ein Mann zu werden. In den archaischen Dörfern der Berge Nordalbaniens hat sich die Sitte erhalten, bei Fehlen eines männlichen Oberhauptes oder auch aus Angst vor Vergewaltigung, die Festlegung -Frau- abzulegen und mit der Festlegung –Mann- alle Rechte und Freiheiten eines Mannes zu erhalten. Nur, sie muß Jungfrau bleiben, bis zum Ende ihres Lebens darf sie nicht erfahren, was es heißt -Frau- zu sein. Hana durchlebt in diesem Roman die aufgezwungenen Metamorphosen. Die Freiheit als –Mann-, die ihr ein Leben in den albanischen Bergen ermöglicht, wird ihr zum Gefängnis und nur durch die Flucht nach Amerika kann ihr die Rückverwandlung nach 14 Jahren in eine Frau gelingen. Diesen schmerzvollen Prozeß beschreibt Elvira Dones in diesem für mich sehr bewegenden Roman.

Ilona Lang

Lüscher, Jonas

Kraft

Beck Verlag,

Roman

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Kraft

Lüscher, Jonas

Kraft

Beck Verlag, 2018


Statt einer Dissertation hat Jonas Lüscher einen sensationellen Gesellschaftsroman geschrieben, eine Mischung aus „Campusroman, Gelehrtensatire und beinharter Kapitalismuskritik", wie die SZ schreibt.

Richard Kraft, Rhetorikprofessor aus Tübingen, Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Walter Jens, ist die Karikatur des europäischen Intellektuellen. An der Stanford University bereitet er sich auf die Teilnahme an einem Wettbewerb vor, den ein Dotcom-Milliardär aus dem Silicon Valley ausgeschrieben hat zum Thema: Warum alles, was ist, gut ist, und warum wir es dennoch verbessern können. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind gewollt. Das exorbitante Preisgeld von 1.000.000 Dollar will Kraft dazu nutzen, sich von seiner Frau und Familie zu trennen. Unter dem Portrait von Donald Rumsfeld, den er in seiner Jugend verehrt hat, sinnt Kraft über sein Leben und die Welt nach, überzeugt, dass es für ihn ein leichtes ist, mit seinen rhetorischen Fähigkeiten diesen Vortrag zu schreiben und den Wettbewerb zu gewinnen. In Rückblicken auf seine Studentenzeit, in der er sich zusammen mit seinem Studienfreund Ivan als neoliberaler Salonreaktionär hervorgetan hat, wird erkennbar, dass Kraft – auch der Name ist schon Sartire pur – in Wahrheit ein eitler Schwafler und intellektuelles Leichtgewicht ist. Brilliant formuliert setzt Lüscher Sprache als Mittel ein, die Abgehobenheit von Forschung und Lehre zu enttarnen und lässt so Kraft am Ende scheitern.

Die Lektüre dieses klugen Buches ist ein sprachlicher Leckerbissen, kein „Pageturner", sondern jeder Satz ein Genuss.

Karin Bräunig

Bánk, Zsuzsa

Schlafen werden wir später

S.Fischer Verlag,

Roman

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Schlafen werden wir später

Bánk, Zsuzsa

Schlafen werden wir später

S.Fischer Verlag, 2017


Ein poetisches und lebenskluges Buch über den Alltag von Márta und Johanna, Freundinnen seit den Kindertagen. Das Buch ist in der Form eines Briefromans geschrieben, der mich als Leserin auf eine schöne, langsame Art an der Entwicklung von Sprache und Figuren teilhaben lässt. Und trotzdem lese ich gebannt von den Seeleneindrücken und Leiden des Alltags. Márta ist Schriftstellerin, Mutter von 3 Kindern und ihr Mann Simon, freischaffender Dramaturg, kündigt ihr auf den ersten Seiten an, dass er sie verlassen möchte. Ihre Fragen sind: genüge ich als Mutter, wo kommt das nächste Geld für die täglichen Dinge des Lebens her, habe ich genug Raum für mein eigenes Leben und meine Partnerschaft.

Johanna muss die Leere füllen, die seit der Trennung von Markus in ihr Schwarzwaldhäuschen eingezogen ist. Sie muss sich mit der Angst auseinander setzen, was ist, wenn der Krebs wiederkommt. Ihre Doktorarbeit über die Droste-Hülshoff, das lustvolle Suchen nach Spuren der Droste sind lange Zeit der sinngebende Motor in ihrem Leben. Nach schmerzvollen Prozessen lernt Johanna sich wieder dem Leben zu öffnen.

Beide Freundinnen verbindet die Liebe zur Sprache und zur Literatur. Sie deklinieren mit uns >wenn ich gesund bin> bis in Future II durch und den Sturm lassen sie mit Worten von Hauff um Haus jaulen.

Ilona Lang

Toibin, Colm

Nora Webster

Hanser Verlag,

Roman

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Nora Webster

Toibin, Colm

Nora Webster

Hanser Verlag, 2016


Nora hat mit Mitte vierzig ihren Mann verloren und muss nun allein den Alltag mit ihren vier Kindern bewältigen. Mühsam nur und Schritt für Schritt, voller Selbstzweifel und doch mit großer Beharrlichkeit geht sie voran und zwar auf ihren Wegen und mit ihren Mitteln.
Immer wieder schafft Nora es, sich selbst treu zu bleiben, wenn der Verhaltenscodex des kleinen Dorfes, in dem sie lebt, Freunde, Verwandte und auch die eigenen Kinder Erwartungen an sie herantragen oder mehr oder weniger wohlmeinende Ratschläge erteilen.
Nora ist eine wahre Heldin, ohne im üblichen Sinn heldenhaft zu sein, und ihre Geschichte ist spannend, obgleich sie still und unaufgeregt erzählt wird. Stets bleiben die Schwingungen, die von der großen Liebe zwischen Nora und ihrem Mann ausgehen, spürbar.
Ein ganz wunderbares Buch, bei dem ich mich fragen musste, ob sein Autor nicht doch eine Frau ist.

Beate Mielke

Seethaler, Robert

Die weiteren Aussichten

Kein & Aber Verlag,

Roman

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Die weiteren Aussichten

Seethaler, Robert

Die weiteren Aussichten

Kein & Aber Verlag, 2016


Um die gerade erst gewonnene Liebe seines Lebens - Hilde - zu retten, schlägt Herbert zu. Von nun an ist er mit Hilde, seiner aus dem Krankenhaus entführten, todkranken Mutter und seinem Fisch Georg auf der Flucht.

Die Geschichte ist aberwitzig skurril und setzt sich über alle Normen und Konventionen hinweg. Gerade deshalb aber kommt man den Protagonisten, insbesondere Herbert, so nah, sieht sie sozusagen wie herausgeschält, gänzlich unverfälscht vor sich. So ist es kaum verwunderlich, dass einem beim Lesen von Robert Seethalers wunderschöner Geschichte "Die weiteren Aussichten" vor Lachen, Glück und Traurigkeit die Tränen kommen.

Beate Mielke

Robinson, Marilynn

Lila

Fischer Verlag,

Roman

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Lila

Robinson, Marilynn

Lila

Fischer Verlag, 2018


"Lila" ist ein Buch von großer, manchmal verstörender Intensität, das mir sehr gut gefallen hat!
Die Geschichte spielt in den 1920er Jahren in den USA kurz vor dem Hereinbrechen der Weltwirtschaftskrise.
Lila ist ein zutiefst traumatisierten Mensch, der als kleines Kind von einer mittellosen Wanderarbeiterin aus Verhältnissen entführt wird, die es wahrscheinlich nicht überlebt hätte.
In engster Symbiose lebt sie jahrelang ohne festes Zuhause mit ihrer Ziehmutter zusammen, bis sie als junge Frau wieder allein und auf sich selbst gestellt ist.
Mit Hilfe einer gestohlenen Bibel bemüht sie sich, ihr rudimentäres Lesen und Schreiben zu verbessern und begegnet so den biblischen Bildern und Geschichten, die sie verstören und große Fragen aufwerfen.
Als sie einen ihr liebevoll - fürsorglich zugewandten Prediger kennenlernt, konfrontiert sie ihn mit all ihren Gedanken, Nöten und Fragen, für die er aber - Gott sei Dank - auch keine einfachen Antworten parat hat.
Es sind vor allen Dingen die Gespräche zwischen Lila und dem Prediger, die mich fasziniert haben:
Mit großer Ehrlichkeit, entwaffnender Schlichtheit und ohne belehren zu wollen werden in ihnen gewichtige Themen angestoßen, sodass ich immer wieder versucht war, einen Bleistift zu zücken, um Stellen im Buch zu markieren.
Aber auch die zarte Liebe zwischen diesen beiden so unterschiedlichen und doch durch Vieles so verbundenen Menschen, die immer um das fragile Vertrauen des anderen werden kämpfen müssen, hat mich sehr berührt.
Beate Mielke

Gmeyner, Anna

Manja

Aufbau Verlag,

Roman

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Manja

Gmeyner, Anna

Manja

Aufbau Verlag, 2016


Poetisch und berührend erzählt Anna Gmeyner die Geschichte von fünf Kindern, die in derselben Nacht im Frühjahr 1920 gezeugt werden, aber in ganz unterschiedlichen Milieus aufwachsen. Eigentlich trennen sie Welten, und dennoch sind sie zu Freunden geworden, verbunden durch eine innige Zuneigung zu Manja – dem Mädchen aus armen ostjüdischen Verhältnissen. Für ihre Freundschaft nehmen die fünf Konflikte in Kauf, mit den Eltern, der Schule, der Hitlerjugend. Letztlich aber bleiben sie Gefangene ihrer Zeit, an der Manja tragisch zerbricht und mit ihr die Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft.

Empfohlen von Ilona Lang

Freeman, Castle

Männer mit Erfahrung

Nagel & Kimche Verlag,

Roman

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Männer mit Erfahrung

Freeman, Castle

Männer mit Erfahrung

Nagel & Kimche Verlag, 2016


In diesem kurzen, ungemein spannenden und trockenhumorigen Roman hat Lillian ein Problem mit Blackway. Der Sheriff , der ihr als der geeignete Mann für die Lösung des Problem zu sein scheint, verweist sie an Männer mit Erfahrung. Diese stellen ihr den alten Lester und den hünenhaften und etwas beschränkten Nates zur Seite. Die in der alten Fabrik zurück gebliebenden Männer mit Erfahrung kommentieren knapp und lakonisch die Ereignisse und wie Freeman das in Pointen fasst und diesen Hinterwäldlern Konturen und Schärfe gibt, ist sehr beeindruckend. Ich habe selten so einen auf den Punkt gebrachten Roman gelesen.

Ilona Lang

Palmen, Connie

Du sagst es

Diogenes Verlag,

Roman

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Du sagst es

Palmen, Connie

Du sagst es

Diogenes Verlag, 2016


In diesem Roman geht Connie Palmen ganz neue Wege und ich habe mich gerne darauf eingelassen.

Erzählt wird die Liebesgeschichte und ihr tragisches Ende von Sylvia Plath und Ted Hughes mit der Erzählstimme von Ted Hughes. Wir erfahren von einer Liebe, die sich in Worten, in Poesie zu begreifen versucht und beiden Liebenden die Möglichkeit zu Höhenflügen gibt. Sylvia Plath Depression zieht sich wie ein roter Faden durch ihr gemeinsames Leben, bis Ted Hughes die Liebe bei einer anderen Frau wieder spüren will und Sylvia Plath in den Selbstmord geht. Ich finde es sehr gelungen, wie Connie Palmen Ted Hughes ihre Erzählstimme zur Verfügung stellt und vor uns Lesern eine neue Facette dieser berühmten Liebesgeschichte ausbreitet.

Ilona Lang

Zeh, Juli

Unter Leuten

Luchterhand Verlag,

Roman

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Unter Leuten

Zeh, Juli

Unter Leuten

Luchterhand Verlag, 2016


Aus einem winzigen Brandenburger Dorf hat Juli Zeh einen ganzen Kosmos von menschlichen Abgründen, Leidenschaften, Enttäuschungen, Intrigen und Missverständnissen geschaffen, kurz gesagt: eine comedie humaine in der Ostprignitz. Das Personal besteht aus ehemaligen Grossbauern, Altstalinisten, verbitterten Ehefrauen, egoistischen Kindern und idealistischen Grossstädtern, die hier auf dem Land vergeblich die Idylle suchen. Dreh- und Angelpunkt sind geplante Windkrafträder. Anhand dieser Investition werden die verschiedenen Interessen und uralten unbeglichenen Rechnungen deutlich. Die Autorin wird jeder, wirklich jeder Biographie gerecht, hier wird nicht in Gut und Böse eingeteilt. Sehr sorgfältig werden auch noch die kleinsten Details ins Gesamtgeflecht eingebaut. Ein sehr spannendes und empfehlenswertes Buch. Juli Zeh hat das Fach "Mensch" studiert und ihr Examen glänzend bestanden.

Anton Haberditzl

Grossmann, David

Kommt ein Pferd in die Bar

Hanser Verlag,

Roman

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Kommt ein Pferd in die Bar

Grossmann, David

Kommt ein Pferd in die Bar

Hanser Verlag, 2016


Liebe ist, wenn man weiter liest.
So lautete die Überschrift in der Rezension der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über das neue Buch von David Grosmann.

Genauso ging es mir beim Lesen. Zu Beginn des Buches fand ich den Autor von „Eine Frau flieht vor einer Nachricht" nicht wieder. Ein fremder Stil, flapsig bis vulgär, das ist nicht David Grosmann, dachte ich. Aber dennoch wollte ich dieses Buch nicht einfach schließen, konnte mir nicht vorstellen, dass gerade dieser emotionale Autor nicht zu seiner Stärke findet, zwischenmenschliche Beziehungen und Gefühle zu beschreiben und zum Mittelpunkt seines Buches zu machen. Und so wurde ich immer mehr hineingezogen in eine Geschichte, die bewegend und erschütternd Einblick gibt in die menschliche Seele und den Wunsch nach Liebe und Zuwendung. Eben doch ein echter Grosmann.

(Aus dem Umschlagklappentext):
Für eine gute Pointe gab Dovele schon immer alles. Als Kind lief er oft auf den Händen. Er tat das, um seine Mutter zum Lachen zu bringen und damit ihm keiner ins Gesicht schlug. Heute steht er ein letztes Mal in einer Kleinstadt in Israel auf der Bühne. Er hat seinen Jugendfreund, einen pensionierten Richter, eingeladen. Im Laufe des Abends erzählt der Comedian zwischen vielen Witzen eine tragische Geschichte aus seiner Jugend. Es geht um Freundschaft und Familie, Liebe, Verrat und eine sehr persönliche Abrechnung auf dem Weg zu einer Beerdigung. Dem Kleinstadtpublikum ist das Lachen vergangen.

Karin Bräunig

Hein, Christoph

Glückskind mit Vater

Suhrkamp Verlag,

Roman

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Glückskind mit Vater

Hein, Christoph

Glückskind mit Vater

Suhrkamp Verlag, 2016


Konstantin Boggosch wird von seiner Mutter –mein Glückskind- genannt.

1945 geboren kann er als Säugling seine Mutter vor dem Schlimmsten bewahren, als die Russen nach G kommen. Sein Vater war ein hochrangiger SS-Mann und Kriegsgewinnler , der ein Arbeits-und Konzentrationslager für seine Gummi-und Reifenfabrik in G einrichtete. Er wurde noch vor Konstantins Geburt als Kriegsverbrecher in Polen verurteilt und hingerichtet. Durch diesen Vater wird Konstantin in der DDR in Sippenhaft genommen. In einer nüchternen Sprache folgt Hein den individuellen Fährnissen seines Konstantin Boggosch.

Mich hat dieses Buch zutiefst berührt. Während der DDR-Zeit kann sich Konstantin nicht mit der Macht arrangieren und Karriere machen, sondern muß seinen eigenen Weg finden. Nach der Wende kann er souverän das finanzielle Erbe seines Vaters ausschlagen. In diesem Sinne empfinde ich Konstantin Boggosch als –Glückskind mit Vater-.

Ilona Lang

Shalev, Seruya

Schmerz

Berlin Verlag,

Roman

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Schmerz

Shalev, Seruya

Schmerz

Berlin Verlag, 2015


Auch der neue Roman von Zeruya Shalev "Schmerz" hat mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen!

Der Grund dafür liegt nur in zweiter Linie in den dramatischen Geschehnissen, die plötzlich über einen vermeintlich stabil - vernünftigen Alltag einer Familie hereinbrechen. Natürlich ist es spannend, mitzuerleben, wie eine Frau, Ehefrau und Mutter zweier erwachsener Kinder plötzlich, unerwartet und zufällig ihre große Jugendliebe wiedertrifft, einen Mann, der damals brutal und unvorhersehbar die Beziehung beendet hatte. Natürlich ist es spannend, mitzuerleben, wie eine Mutter um ihr Kind kämpft, das in die Fänge eines obskuren Gurus geraten ist und sich diesem sklavisch unterwirft. Viel spannender noch ist es aber, zu sehen, was all' das bei der Protagonistin auslöst. Es ist eine Persönlichkeitskrise, die weit über die aktuellen Geschehnisse hinausreicht, ein tief wurzelnder Schmerz, der durch die Ereignisse offengelegt, aber auch nur so geheilt werden kann.

Zeruya Shalev beschreibt jeden Gedanken, jedes Gefühl so treffsicher und authentisch, dass ich mich, auch ohne alle umgebende Dramatik, vielfach darin gespiegelt sah.

Beate Mielke

Gundar-Goshen, Ayelet

Löwen wecken

Kein&Aber Verlag,
Roman

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Löwen wecken

Gundar-Goshen, Ayelet

Löwen wecken

Kein&Aber Verlag, 2018


„Und er dachte gerade, dies sei der schönste Mond, den er je gesehen habe, als er diesen Mann umfuhr“.

Ethan Grien, Neurochirug in Beer Sheva, überfährt nachts in der Wüste mit seinem Jeep einen illegalen Einwanderer. Er erkennt sofort, dass kein Arzt mehr helfen kann und der Mann sterben wird. Und lässt ihn liegen. Am nächsten Morgen bringt ihm eine Eritreerin sein Portemonnaie und macht ihm einen Vorschlag, der sein Leben aus der Bahn wirft.

Wie kommt man aus dem Teufelskreis eines einmal eingeschlagenen falschen Weges wieder heraus? Welches Gewicht haben Werte wie Moral und Ehrlichkeit, wenn sie plötzlich das eigene Leben, den eigenen Lebenskomfort tangieren?
Spannend, mit Witz und großer Empathie erzählt Ayelet Gundar-Goshen diese Geschichte und als Leser fragt man sich unwillkürlich, wie man selbst gehandelt hätte.
Wie schon ihr erster Roman „Eine Nacht, Markowitz“ ist es ein großes Vergnügen, dieses kluge Buch zu lesen.

Besprochen von Karin Bräunig

Erpenbeck, Jenny

Gehen, ging, gegangen

Knaus Verlag,

Roman

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Gehen, ging, gegangen

Erpenbeck, Jenny

Gehen, ging, gegangen

Knaus Verlag, 2015


„An Grenzen verkehren sich manchmal Dinge in ihr Gegenteil, erinnert sich Richard an das, was er bei seinem ersten Besuch auf dem Oranienplatz gedacht hat“.

Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Wie geht man um mit dem Verlust derer, die man geliebt hat? Wer trägt das Erbe weiter?
Richard, emeritierter Professor, kommt durch die Begegnung mit den Flüchtlingen auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei den jungen Männern aus Afrika, die in Berlin gestrandet sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist. (Aus dem Klappentext)

Eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, mit der Jenny Erpenbeck meisterhaft erzählt, wie uns das Schicksal der Flüchtlinge nicht nur berühren kann, sondern die Begegnung mit ihnen für uns selbst ein Gewinn sein kann. Erst als der Protagonist Richard in Gesprächen mit den Flüchtlingen spürt, wie sie sich ihm, einem völlig Fremden, gegenüber öffnen und ihm ihre Lebensschicksale erzählen, findet er den Mut, sich selbst den Fragen zu seinem eigenen Leben zu stellen.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, gerade in der aktuellen Situation ist es eine Bereicherung.

Besprochen von Karin Bräunig

King, Lily

Euphoria

Beck Verlag,

Roman

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Euphoria

King, Lily

Euphoria

Beck Verlag, 2015


Inspiriert vom Leben der Antrophologin Margaret Mead erzählt Lily King die fiktive Geschichte der Amerikanerin Nel Stone, ihrem Mann Fen und ihrem Kollegen Andrew Bankson.

In der abgeschiedenen Welt von Neuguinea treffen die drei Protagonisten aufeinander und entwickeln schnell ein enge und komplizierte Verbindung zueinander. Während der Brite Bankson sich über die Errettung aus Einsamkeit und Trauer freut, fühlt sich Nell Stone von seinem sanften und ruhigen Wesen intellektuell verstanden und angezogen. Ihr Mann Fen bildet das exzentrische und aufbrausende Gegengewicht dieser unkonventionellen und berührenden Dreiecksbeziehung, welche die Charaktere verbindet.

Der wissenschaftliche Erfolgsdruck und die Suche nach der Erkenntniss über das Fremde und Unerforschte sorgen sowohl für Konkurrenzgefühle als auch Erkenntnisse und neue Überlegungen, die durch die intensive Beziehung der Drei getragen werden.

Lily King schreibt berührend und intelligent über das Erforschen des Fremden, die Ambivalenz der Anthrophologie und romantischen und platonischen Liebesbeziehungen.

Josi

Houellebecq, Michel

Unterwerfung

Dumont Verlag,
Roman

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Unterwerfung

Houellebecq, Michel

Unterwerfung

Dumont Verlag, 2015


Dieser Roman ist für mich der gelungenste von Houellebecq Romanen.

Extraordinär und aberwitzig breitet er eine Zukunftsvision aus, in der in Frankreich ein moderater Islam nach demokratischen Prinzipien an die Macht gewählt wird.

Houellebecq legt ein fein geknüpftes Netz an Verweisen aus, die sich auf Literaturgeschichte, aktuelle Politik, Demokratiemüdigkeit und die Lust an der Unterwerfung beziehen.

Dem Opportunismus wird hier bis ins Bett hinein nachgespürt. Francois, der Hauptheld landet bei seiner Unterwerfung weich, denn er läßt sich gerne verführen und am Ende bekommt er noch 3 Ehefrauen.

Ilona Lang

Berg, Sibylle

Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Hanser Verlag,
Roman

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Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Berg, Sibylle

Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Hanser Verlag, 2015


Aus dem etwas abgedroschenen Thema "Lange Beziehung, flauer Sex, was verbindet einen eigentlich noch?" hat Sibylle Berg einen kurzweiligen und sehr bösen Roman gemacht. Schlüssige Antworten hat auch sie nicht, sie stellt aber kluge Fragen. Neben dem Drama der beiden Protagonisten wird besonders drastisch eine abstoßende Dritte-Welt-Urlaubshölle nachgezeichnet; dem Leser bleibt (hoffentlich) das wohlige Gefühl, dort gerade nicht zu sein. Was man allerdings auch auf die Situation von Rasmus und Chloe übertragen kann. Lakonisch, lebensnah und ziemlich zynisch.

Anton Haberditzl

Williams, John

Butcher`s Crossing

DTV Verlag,
Roman

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Butcher`s Crossing

Williams, John

Butcher`s Crossing

DTV Verlag, 2015


Der Harvard Student William Andrews kommt aus Boston nach Butcher`s Crossing, er will dieses Land kennenlernen. Die Natur zieht ihn magisch an, er möchte sich dort finden. Der Büffeljäger Miller lockt Andrews mit Geschichten von riesigen Büffelherden, die, versteckt in einem entlegenen Tal, nur eingefangen werden müssen. Im Spätherbst ziehen sie zu viert los. Sie finden das Tal und die Büffel und ein tödlicher Ringkampf mit der Natur beginnt, tödlich für Mensch und Natur.

Mit einer klaren, schlichten und innerlich leuchtenden Sprache beschreibt Williams die berückende Bergwelt, in die plötzlich mit einem Blizzard der Winter einbricht. Ich will nur ich selbst werden, ich bin nur meinetwegen hier, das ist Andrews Credo und Williams schildert die Erfüllung dieses Amerikanischen Traums im Kampf mit den Elementen. Am Ende kann sich Andrews ohne Bedauern die Eitelkeit eingestehen, welche ihn angetrieben hat und er geht weiter, ohne zu wissen wohin.

Ilona Lang

Uhly, Steven

Königreich der Dämmerung

Secession Verlag,
Roman

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Königreich der Dämmerung

Uhly, Steven

Königreich der Dämmerung

Secession Verlag, 2018


Schicksale und Folgen der Kriegsjahre sind das Thema dieses ergreifenden Romans.
Im Jahr 1944 erschießt in Polen die schwangere polnische Jüdin Anna einen SS-Mann und wird von einem aus Rumänien umgesiedelten volksdeutschen Ehepaar Kramer versteckt. Im Keller ihres Hauses bringt sie eine Tochter zur Welt, Lisa. Der Bauer Kramer wird Ende des Krieges eingezogen und von den Russen gefangen genommen. Seine Frau Marta flieht mit Anna und ihrem Baby, Anna stirbt auf der Flucht an Entkräftung und Marta zieht Lisa in Lübeck auf. Erst viel später entdeckt Lisa ihre jüdischen Wurzeln, sie verliebt sich in den Israeli Shimon. Er ist das Kind einer jüdischen Zwangsarbeitern und eines SS-Offiziers.

Behutsam und kraftvoll zugleich schildert Steven Uhly die Lebenswege der Hauptfiguren bis in die 70er Jahre. Sein Buch ist Zeitgeschichte und Roman zugleich. Die furchtbaren Lebensumstände in den Lagern der „Displaced Persons“, die Aufrufe für die Auswanderung nach Israel, die Hoffnungen und Ängste, aber auch der Lebenswille, der diese Entwurzelten begleitet hat, finden ihren Raum in diesem Buch und lassen uns erahnen, welche Last die Nachkriegsflüchtlinge getragen haben. Dieses Buch ist unbedingt lesenswert.

Karin Bräunig

Haratischwili, Nino

Das achte Leben

FVA Verlag,
Roman

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Das achte Leben

Haratischwili, Nino

Das achte Leben

FVA Verlag, 2018


Was für ein Buch! An einem verregneten Sonntagmorgen habe ich mich mit diesem Buch auf dem Sofa niedergelassen, als die Sonne durchkam, bin ich auf dem Balkon umgezogen, habe alles Andere fahren lassen und 500 Seiten gelesen. Ich kann die 1200 Seiten nicht besser als der Klappentext zusammenfassen:

"Georgien, 1900: Mit der Geburt Stasias, Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten, beginnt dieses berauschende Opus über sechs Generationen. Stasia wächst in der wohlhabenden Oberschicht auf und heiratet jung den Weißgardisten Simon Jaschi, der am Vorabend der Oktoberrevolution nach Petrograd versetzt wird, weit weg von seiner Frau. Als Stalin an die Macht kommt, sucht Stasia mit ihren beiden Kindern Kitty und Kostja in Tbilissi Schutz bei ihrer Schwester Christine, die bekannt ist für ihre atemberaubende Schönheit. Doch als der Geheimdienstler Lawrenti Beria auf sie aufmerksam wird, hat das fatale Folgen..."

Der Verlag, die FVA, hat dieses Buch wunderbar gestaltet, es ist eine Augenweide und es ist nach dieser intensiven Lektüre auch gut in der Form geblieben, bei all den 1200 Seiten.
Ilona Lang

Seethaler, Robert

Ein ganzes Leben

Hanser Verlag,
Roman

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Ein ganzes Leben

Seethaler, Robert

Ein ganzes Leben

Hanser Verlag, 2018


Andreas Eggers kommt als 4 jähriger Bub in das Dorf seiner Mutter, einige Scheine in seinem ledernen Brustbeutel. Diese bewegen seinen Onkel, ihn nicht zum Teufel zu schicken, er darf als Hilfsknecht bleiben. Er ist ein Bankert, seine Mutter starb als Strafe für ihr lasterhaftes Leben an Schwindsucht. Von seiner Herkunft bleibt ihm nur ein vages Gefühl von Wärme.

Im Takt der Jahreszeiten, der Veränderungen durch die Moderne, die mit der Seilbahn in die alpine Dorfwelt einzieht, der Liebe und des Krieges erzählt Robert Seethaler ein ganzes Leben in einer einfachen und präzisen Sprache.

Dieser Roman stellt in seiner Schlichtheit die existenziellen Fragen, wie will ich leben, wie will ich sterben.
Ich habe Robert Seethaler in einer kleinen Runde für Buchhändler lesen und erzählen gehört und den Eindruck gewonnen, das Schreiben für ihn existentiell ist.

Und das habe ich auch beim Lesen dieses schmalen Romanes gespürt.
Sehr empfehlenswert. Ilona Lang

Petterson, Per

Nicht mit mir

Hanser Verlag,
Roman

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Nicht mit mir

Petterson, Per

Nicht mit mir

Hanser Verlag, 2018


Es gibt nicht viel Glück im Leben der beiden Romanfiguren Tommy und Jim.
In ihrer Kindheit und Jugend gab es das Glück ihrer Freundschaft. Doch diese brach auseinander an einem Tag auf dem zugefrorenen See, auf dem beide einzubrechen drohten. Jim verließ das Dorf, er fühlte sich schuldig. Und Tommy konnte seine Schuld nicht sehen.
30 Jahre später sieht der in der Finanzbranche erfolgreiche Tommy seinen Freund Jim auf einer Brücke. Er steht dort mit all den anderen Arbeitslosen schon in der Früh, um zu angeln. So beginnt der Roman und er nimmt uns mit in die Kindheit der beiden Freunde, in das Leben, welches sie heute führen. Er erzählt von einer Freundschaft, die mich sehr berührt hat.

Ilona Lang

Magnusson, Kristof

Arztroman

Antje Kunstmann Verlag,
Roman

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Arztroman

Magnusson, Kristof

Arztroman

Antje Kunstmann Verlag, 2018


Anita Cornelius ist Notärztin am Urban Krankenhaus. Sie liebt ihren Beruf, ist ihren Patienten zugewandt und flitzt im Rettungswagen mit ihrem Kollegen durch Kreuzberg und Neukölln. Nur ihr eigenes Leben scheitert an ihrer Beziehungslosigkeit. Ihr Mann Adrian hat ein Verhältnis mit Heidi, einer Freundin des Hauses, kommt schon mal vor. Ihr14 jährigen Sohn wohnt beim Vater und seiner neuen Freundin, die Wohnung hat eben mehr Platz. Eine neue Liebe ist am Horizont zu sehen, gerne übernimmt sie die Dienste einer Freundin.

Hätte Anita Adrian nicht zufällig bewusstlos auf der Krankenhaustoilette gefunden, zugedröhnt mit einem Narkosemittel, und hätte Heidi nicht dauernd diese flotten Sprüche losgelassen, dass jeder seines Glückes Schmied ist, dass Arme und Kranke oft genug selbst an ihrem Zustand schuld sind, dann könnte sich Anita weiter vormachen: alles ist in bester Ordnung. Ist es aber nicht. Weder privat noch beruflich.
Komplex, spannungsreich und komisch erzählt uns Kristof Magnusson aus dem Leben von Anita, die irgendwann nicht mehr in "der besten aller Welten" leben will.

Ilona Lang

Köhler, Karen

Wir haben Raketen geangelt

Hanser Verlag,
Erzählungen

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Wir haben Raketen geangelt

Köhler, Karen

Wir haben Raketen geangelt

Hanser Verlag, 2018


Es gibt diesen Moment, in dem das eigene Universum zerbricht und weit und breit kein neues in Sicht ist: Eine junge Frau sitzt mittellos und nahezu dehydriert vor einer Tankstelle im Death Valley. Als plötzlich ein Indianer vor ihr steht und ihr das Leben retten will, glaubt sie zu phantasieren.

Präzise in ihren Formulierungen erzählt Karen Köhler von Frauen, deren Leben aus den Fugen geraten ist. In jeder Erzählung geht die Protagonistin ihren eigen Weg und Karen Köhler hat nicht nur von der Sprache, sondern auch den Satz, also die Form, angepasst.
Egal, welchen Weg die Frauen auch gehen, mutig sind sie allemal.
Ich freue mich auf mehr von Karen Köhler

Ilona Lang

Tartt, Donna

Der Distelfink

Goldmann Verlag,
Roman

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Der Distelfink

Tartt, Donna

Der Distelfink

Goldmann Verlag, 2018


Theo Decker ist zu Beginn der Romanhandlung 13 Jahre alt und wir begleiten ihn in diesem Entwicklungs -und Bildungsroman in sein Erwachsenwerden. Theo und seine Mutter müssen einer Vorladung zum Schulleiter Folge leisten und überbrücken die Zeit bis zu diesem unangenehmen Termin mit einem Besuch im Metropolitan Museum of Art in New York. Dort hängt das Lieblingsbild seiner Mutter. Der „Distelfink“ des niederländischen Malers Carel Fabritius. Ein Terroranschlag auf das Museum lässt im Roman die Zeit still stehen und gibt den Raum für ein Gespräch zwischen Theo und einem Fremden. Im Sterben ermutigt ihn der Fremde den „Distelfink“ aus dem Schutt zu ziehen und mit ins Freie zu nehmen Auch gibt er ihm einen Goldring und eine Adresse, mit der Bitte, den Ring dort abzugeben. Noch lange hofft Theo, dass auch seine geliebte Mutter den Anschlag überlebt hat. Als Halbwaise kommt er in einer Pflegefamilie unter und der Ring führt ihn zu Hobie, einem herzensguten Lehrmeister in Sachen Kunst und Leben. Theo verpasst die Möglichkeit den „Distelfink“ an das Museum zum richtigen Zeitpunkt zurück zu geben. Er ist an dieses Bild gebunden und es ist ihm Trost und Last. Sein Vater, der vom Alkohol auf synthetische Drogen umgestiegen ist, nimmt ihn mit nach Las Vegas. Dort hausen sie in einem der verlassenen Häuser am Rande der Wüste gemeinsam mit der dauerbekoksten Freundin des Vaters Xandra. Und so schickt uns Donna Tartt noch auf eine weite Reise mit Theo und lässt mich am Ende des Romans als eine beglückte Leserin zurück.

Ilona Lang

Arango, Sascha

Die Wahrheit und andere Lügen

Bertelsmann Verlag,
Roman

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Die Wahrheit und andere Lügen

Arango, Sascha

Die Wahrheit und andere Lügen

Bertelsmann Verlag, 2018


Mit großem Vergnügen habe ich diesen Krimi gelesen. Endlich mal keine depressiven Kommissare sondern ein Lügner, ein Fiesling und Hochstapler, den die Umstände des Lebens zum Kriminellen werden lassen. Henry Hayden und seine Frau haben sich im Leben gut arrangiert. Sie schreibt die Romane und Henry gibt sein eloquentes Wesen her, damit die Bücher sich auch im Stapel verkaufen lassen.

Ein Landgut für beide und für Henry, als Sahnehäubchen, noch eine heimliche Geliebte, das sind die Zeichen des Erfolges, mit denen es sich gut Leben lässt. Gleich zu Beginn des Romanes eröffnet ihm seine Geliebte, die auch seine Lektorin ist, dass das Kind, welches sie erwartet, das Blatt nun neu mischt und alles sich ändern muss. Mit herrlich lakonischen Sätzen erzählt uns der Autor Arango, das dies ja nun überhaupt nicht in Henrys Lebensplan passt und es entwickelt sich ein Plot mit überraschenden logisch und emotional nachvollziehbaren Wendungen.

Ilona Lang

Murakami, Haruki

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Dumont Verlag,
Roman

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Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Murakami, Haruki

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Dumont Verlag, 2018


Dieser Murakami ist ganz nach meinem Lesegeschmack.

Es bezieht seine Spannung aus der emotionalen Entwicklung des farblosen Herrn Tazaki. Ich verstehe, warum er nach dem Verstoßen werden aus seiner Freundesgruppe, sich fühlt, als wäre er von  einem Schiff gefallen, und er kann nicht leben und nicht sterben. In fast gleichmütiger Ruhe erzählt Murakami vom dahin gleiten eines Lebens.

Bis dann die Liebe und das beginnende Vertrauen in einen anderen Menschen dem farblosen Herrn Tazaki den Mut gibt, sich auf die Pilgerreise zu begeben.