Buchempfehlungen - Archiv

 
  • Clement, Jennifer - Gebete für die Vermissten
  • Gebete für die Vermissten

    Clement, Jennifer

    Gebete für die Vermissten

    Suhrkamp Verlag, 2018


    Selten hat mich ein Roman so bewegt wie Jennifer Clements Buch über die Drogenmafia in Mexiko. Aus der Sicht ihrer Titelhelden Ladydi beschreibt sie das Leben der Mädchen und Frauen in einem Bergdorf in Mexiko, die sich aus Angst vor Entführungen und Misshandlungen durch die Drogenhändler bewusst hässlich machen. Sie verstecken sich in Erdlöchern, sobald eine Staubwolke am Horizont das Nahen der SUV-Kolonne ankündigt, der dann die Drogenbosse entsteigen, immer auf der Suche nach jungen Frauen. Wie alle jungen Mädchen träumt auch Ladydi von Liebe und einer sicheren Zukunft, doch ihr Leben nimmt eine unerwartete Wendung, als sie durch ihren Cousin ohne ihr Zutun in einen Drogendeal verwickelt wird. Mit ihrer archaischen und authentischen Sprache rüttelt Jennifer Clement auf und lenkt den Blick auf dieses von Korruption und Gewalt geprägte Land. Angesichts der aktuellen Ereignisse in Mexiko ist dieses Buch genau zur richtigen Zeit erschienen.

    Karin Bräunig

  • Blondel, Jean Philippe - 6 Uhr 41
  • 6 Uhr 41

    Blondel, Jean Philippe

    6 Uhr 41

    Deuticke Verlag, 2018


    In einem Eisenbahnabteil treffen ein Mann und eine Frau um die 50 aufeinander. Beiden ist sofort klar, wer der andere ist: Sie hatten 20 Jahre zuvor eine kurze Liebes-Affäre. Aus unterschiedlichen Gründen beschließt jeder für sich, den anderen "nicht zu erkennen". Damals war er der strahlende Frauenschwarm, sie eine eher unscheinbare, nicht sehr selbstbewußte junge Frau. Das Verhältnis hat sich gewissermaßen umgedreht: Nun ist sie die attraktive Karriere-Frau, und aus ihm ist ein angenagter, eher gescheiterter Typ mit Bauch- und Glatzen-Ansatz geworden. Damals hatte er ihr den Laufpaß gegeben, was sie nie wirklich verwunden hat. Der Leser verfolgt gespannt und amüsiert die jeweiligen Gedanken, die der Autor präsentiert. Ganz nebenbei stellen beide für sich ihre Lebens-Bilanz auf. Ob sie am Schluß doch noch ins Gespräch kommen, wird hier nicht verraten.

    Anton Haberditzl

  • Link, Charlotte - Sechs Jahre
  • Sechs Jahre

    Link, Charlotte

    Sechs Jahre

    Blanvalet Verlag, 2018


    Die meistverkaufte deutsche Gegenwarts-Autorin zeigt sich hier von einer ganz anderen, sehr persönlichen Seite. Es ist der erschütternde Bericht über Krankheit und Sterben ihrer Schwester. Die lebenslustige junge Mutter bekam mit 41 die Krebs-Diagnose, mit 47 starb sie nach unermesslichem Überlebens-Kampf. Für die Autorin ist es der größte Verlust ihres Lebens, sie hatte ein geradezu osmotisches Verhältnis zu ihrer Schwester. Im ununterbrochenen Helfen und Mitleiden kommt sie selbst an ihre Grenzen und darüber hinaus. Allein die teilweise vernichtenden Berichte über unser Gesundheitssystem lohnen die Lektüre. Überhaupt ist das Ganze natürlich kein holpriger Selbsterfahrungsbericht, bei aller Betroffenheit bleibt sie doch die versierte Autorin.

    Anton Haberditzl

  • Backman, Frederik - Ein Mann namens Ove
  • Ein Mann namens Ove

    Backman, Frederik

    Ein Mann namens Ove

    Krüger Verlag, 2018


    Ein überraschendes Buch, dessen Tiefgang sich erst beim Weiterlesen offenbart:

    Ove ist ein schrulliger Kauz: Jeden Morgen macht er seinen Rundgang, schreibt die Falschparker auf, räumt die Fahrräder an ihren Platz und kontrolliert die Mülltrennung. Für seine Mitmenschen hat er kein freundliches Wort übrig. Seine geliebte Frau Sonja ist gestorben ist, seine Arbeitsstelle hat er verloren, sein Leben scheint ihm sinnlos. Doch die neue Familie, die im Nachbarhaus eingezogen ist, findet einen Weg zu seinem Herzen. Und ganz allmählich kommt der weiche Kern Oves in einer rauen Schale zum Vorschein. Ein amüsantes Buch, das das Herz erwärmt und die grauen Wintertage ein wenig heller macht.

    Karin Bräunig

  • Thompson, Ted - Land der Gewohnheit
  • Land der Gewohnheit

    Thompson, Ted

    Land der Gewohnheit

    Ulstein Verlag, 2018


    Anders finanziert sein Leben und das seiner Familie, indem er Schrottimobilien verkauft und er verdient viel Geld damit. Es fühlt sich aber alles falsch an, sein Beruf, die Ehe und die Kinder, es hat alles eigentlich nichts mit ihm zu tun, seinen Wünschen und Träumen.
    Die Scheidung bringt ihm aber nicht die erhoffte Zufriedenheit und die Finanzkrise und übereilte Entscheidungen, lassen Anders mittellos werden.
    Er will zurück in sein altes Leben, aber da hat niemand auf ihn gewartet.
    Der Drogentod von Charlie, Sohn von alten Familienfreunden, zwingt Anders dazu, sich endlich seiner Situation zu stellen.
    Ein junger amerikanischer Autor blickt auf die Generation seiner Eltern und fragt, wie ihre Entscheidungen von damals unsere Gesellschaft bis heute prägen. Ein kluges, scharfsinniges und brillant erzähltes Porträt unserer Zeit.

    Sehr lesenswert
    Ilona Lang

  • Townsend, Sue - Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb
  • Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb

    Townsend, Sue

    Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb

    Haffmanns Tolkemitt Verlag, 2013


    Am Tag, an dem Eva Bibers Zwillinge zum Studium das Haus verlassen, legt sie sich ins Bett und steht nicht wieder auf. Sie hat die Nase voll - von allem. Die panische Reaktion ihres Umfelds, insbesondere ihres Ehemanns, ist vorprogrammiert. Aus ihrer zurückgezogenen Position spinnt sie aber dennoch weiter die Fäden. Die leider im April gestorbene Autorin Sue Townsend ist bekannt für ihre satirisch-humorvollen Romane ("Adrian Mole"). Auch hier gibt es viel und ausgiebig zu lachen, dennoch gibt es in der Darstellung der Themen Beziehungen und Familie durchaus ernsthafte Aspekte. Ein fabelhafter Roman - bösartig und berührend zugleich.

    Anton Haberditzl

  • de Velasco, Stefanie - Tigermilch
  • Tigermilch

    de Velasco, Stefanie

    Tigermilch

    Kiepenheuer Verlag, 2013


    "Was machst du da, sage ich und schaue dabei zu, wie Amir abwechselnd Pommes und Kinderschokolade isst.
    Das schmeckt gut, sagt er, probier mal.
    Nee.
    Ehrlich, sagt Amir, schmeckt irgendwie wie Fleisch, nur süß.
    Rinderschokolade, sagt Jameelah.
    Ich muss lachen.
    Rinderschokolade, sagt Jameelah, Rindergarten.
    Rindersitz, Rinderausweise, sage ich.
    Rindergeld.
    SOS - Rinderdorf."

    Das sind die an vielen Stellen des Buches zu findenden funkelnden Steine in einer Geschichte, die bei aller Herzenswärme, die aus ihr strahlt, erschütternd ist und sicher nicht nur in den gesellschaftlichen Grauzonen Berlins erlebbar. (Für Berlinkenner und -bewohner bedeutet es allerdings einen zusätzlichen Genuss, sich sozusagen auf vertrautem Terrain zu bewegen.)

    Schon der Titel, ebenso wie das Getränk selbst, zeigt das Hin- und Hergerissensein der Protagonisten zwischen der Sehnsucht nach familiärer Geborgenheit, in der man noch Kind sein kann, und dem Wunsch, sich zu stählen und gewappnet zu sein gegen die Zumutungen eines harten Alltags in einer alles andere als privilegierten Lebenssituation.
    Das Eine bleibt ihnen verwehrt, denn Nini, die Erzählerin des Buches, lebt, nachdem ihr Vater die Familie vor Jahren verlassen hat, zusammen mit einer depressiven Mutter, deren Freund und der jüngeren Halbschwester zusammen, die eine Vorliebe für Eierlikör hat und ebenfalls viel Zeit bei der Mutter auf dem Sofa verbringt, und Jameelah ist mit ihrer Mutter aus dem Irak geflohen, wo ihr Vater und ihr Bruder ermordet wurden.
    Das Andere ist eigentlich einige Nummern zu groß für die beiden so unterschiedlichen Vierzehnjährigen und gelingt nur mühsam eben durch die Zufuhr von Tigermilch und die innige Freundschaft, die die Beiden verbindet.

    Stefanie de Velasco erzählt die zum Teil hochdramatischen Geschehnisse in einer schnoddrigen, gewitzten, wortschöpferischen Sprache, die der Geschichte Authentizität und Leichtigkeit verleiht. Auf berührende Weise wird deutlich, was eigentlich klar sein sollte: Wahrhaftigkeit, Treue, Mut und Verlässlichkeit sind Blumen der Weisheit, die auch (oder gerade?) jenseits von klassischer Bildung und Wohlstand blühen.

    Ein wunderbares Buch für erwachsene Menschen und solche, die kurz davor stehen, es zu werden.
    Einem Fünfzehnjährigen - so die offizielle Altersangabe - würde ich es noch nicht zu lesen geben.

    Beate Mielke

  • Abonji, Melinda Naji - Tauben fliegen auf
  • Tauben fliegen auf

    Abonji, Melinda Naji

    Tauben fliegen auf

    stv Verlag, 2012


    Eine Familie - Vater, Mutter und zwei Kinder - emigriert in den siebziger Jahren aus der Vojvodina, einer im Norden Serbiens gelegenen Provinz, in der eine ungarische Minderheit lebt, in die Schweiz.
    Mit unendlichem Fleiß und der Haltung der Gebückten, Sich - Wegduckenden gelingt ihr der soziale Aufstieg und die zumindest äußerlich zu vermerkende Integration.
    Wirkliche Heimat aber findet sie nicht, was nur teilweise an der mehr oder weniger hinter einem freundlichen Lächeln versteckten Fremdenfeindlichkeit der Schweizer liegt, die man übrigens hierzulande sicher ebenso zu spüren bekäme.

    Es sind vielmehr die hellen und dunklen Schatten der Vergangenheit, die das unmöglich machen:
    Die Wut und der Jähzorn des Vaters, der innerlich immer wieder mit den Erniedrigungen sozialistischen Elends kämpfen muss, die Sehnsucht der Mädchen nach der Großmutter und all die überaus wachen, lebendigen Erinnerungen an glückliche und tragische Erlebnisse einer Großfamilie in der Vojvodina. Auch die aktuelle Sorge um die in Jugoslawien zurückgeblieben Verwandten zu Beginn des Balkankrieges verhindert letztlich ein Wurzeln im Hier und Jetzt.
    All das erzählt Melinda Naji Abonji mit großer Lebendigkeit und Authentizität in einer funkensprühenden, manchmal fast atemlosen Sprache, die einen bei aller Gewichtigkeit des Themas dennoch auch zum Lachen auffordert.
    Es ist wunderbar und anrührend, mit wieviel Liebe die Autorin ihre Charaktere zeichnet, ohne dabei im Mindesten ihre Fehler, Schwächen, Ecken und Kanten zu verbergen. Geradezu greifbar wird die Enge eines liebenden Familienbandes, der man, wie die "Heldin" des Buches am Ende tut, dennoch entfliehen muss, um dann vielleicht irgendwann doch die Fremde sich in Heimat verwandeln zu sehen.

    Mir hat das Buch sehr gut gefallen!!!
    Beate Mielke

  • Waugh, Evelyn - Wiedersehen mit Brideshead
  • Wiedersehen mit Brideshead

    Waugh, Evelyn

    Wiedersehen mit Brideshead

    Diogenes Verlag, 2013


    Der 1944 erschienene Roman "Wiedersehen mit Brideshead" des britischen Schriftstellers Evelyn Waugh ist trotz mehrerer Verfilmungen nicht so berühmt, wie er es verdient hätte. Dargestellt wird der Untergang der englischen Klassengesellschaft, exemplarisch illuminiert anhand einer katholischen Adelsfamilie in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Gefangen durch die Fesseln ihrer Standeszugehörigkeit und Religion landen fast alle Familienmitglieder in der Verzweiflung. Alles wird aus der Sicht eines Außenstehenden beschrieben, der dem Charme und der Prachtentfaltung der gerade noch intakten Wohnsitze und ihrer Insassen vollkommen verfällt. Atemberaubend schöne Beschreibungen von flüchtigen Glücks-Situationen, humorvoll-hellsichtige Analysen menschlicher Schwächen und zu Tränen rührende Abschieds-Szenarien wechseln einander ab. Man glaubt die Protagonisten persönlich zu kennen. Das Buch hat keinerlei Patina angesetzt und ist jetzt in neuer Übersetzung erschienen.

  • Coetzee, J.M. - Die Kindheit Jesu
  • Die Kindheit Jesu

    Coetzee, J.M.

    Die Kindheit Jesu

    Fischer Verlag, 2013


    Ein Mann und ein Kind lernen sich auf einem Auswanderungsschiff kennen, das sie in ein fernes Land in eine unbekannte Zukunft bringt. Das Kind hat auf dem Schiff seine Eltern verloren und der Mann nimmt sich seiner an. Der Mann versucht, eine Mutter für das Kind zu finden. Gemeinsam beginnen die Beiden einen Neuanfang in einem Land, dessen Sprache sie nicht kennen, dessen Menschen und Kultur ihnen fremd sind. Es ist die uralte Geschichte von Vertreibung, Flucht, Neuanfang, die Menschen seit Jahrtausenden veranlasst, ihre Heimat zu verlassen in der Hoffnung auf ein besseres Leben an einem anderen Ort. Dem Nobelpreisträger J.M. Coetzee gelingt es auf ganz besondere Weise, mit sprachlichen Mitteln beim Leser Gefühle wie Fremdheit, Verlassensein, Verwirrung, aber auch Hoffnung, Zuversicht und Liebe hervorzurufen. Das Buch berührt, bewegt, verstört, verwirrt. Ähnlich wie der Architekt Libeskind es mit architektonischen Mitteln schafft, dem Besucher beim Durchschreiten des Gartens des Exils im Jüdischen Museum ein Gefühl der Orientierungslosigkeit zu vermitteln, verliert man sich in Coetzees Roman wie die Protagonisten selbst. Ein
    zuversichtliches Ende schließt diese wunderbare Geschichte ab.

  • Schneider, Peter - Die Lieben meiner Mutter
  • Die Lieben meiner Mutter

    Schneider, Peter

    Die Lieben meiner Mutter

    Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2013


    Mit voller Wucht trifft Peter Schneider vor einigen Jahren die lange herausgeschobene Lektüre eines Briefkonvoluts seiner frühverstorbenen Mutter. Er mußte entdecken, daß sie über viele Jahre eine sie sehr absorbierende Liebesbeziehung zu einem Freund ihres Mannes gelebt hat. Es erstaunt, daß sie in  widrigsten Kriegs- und Flucht-Zeiten so viele weniger glückhafte als kräftezehrende Gefühle entwickeln konnte, denn der Geliebte war unzuverlässig und hat wohl nicht sehr zurückgeliebt. Es ist erschütternd, wie sehr sich die Frau neben gigantischen Belastungen in der Not dieser Zeit in diese doch aussichtslose Liebe hineingesteigert hat. Nebenbei entwickelt Schneider das faszinierende Porträt von sich selbst als Jungen, besonders beeindruckend ist die Beschreibung des Lebens als Flüchtlingskind in Bayern.

  • Hugues, Pascale - Ruhige Strasse in guter Wohnlage
  • Ruhige Strasse in guter Wohnlage

    Hugues, Pascale

    Ruhige Strasse in guter Wohnlage

    Rowolt Verlag, 2013


    Pascale Hugues berichtet für französische Zeitungen aus Berlin. In diesem Buch setzt sie einer Berliner Strasse - ihrer Strasse - ein Denkmal. Als langjährige Bewohnerin einer Schöneberger Altbauwohnung hat sie viele Geschichten gesammelt. Sorgfältig und einfühlsam zeichnet sie Lebenswege nach - vor allem sind es Geschichten vom (oft erzwungenen) Weggehen und Wiederkehren. Aber auch unspektakuläre Biographieen wie die der schmerzlich vermissten mütterlichen Nachbarin werden liebevoll präsentiert. Einziger Wermutstropfen: das verklemmte Nicht-Verraten des Straßennamens.

  • Dübgen, Hannah - Strom
  • Strom

    Dübgen, Hannah

    Strom

    dtv Verlag, 2013


    Vier Menschen in vier Ländern: Ada aus Berlin hat mit ihrer Freundin Judith einen Dokumentarfilm über das Leben im Gazastreifen gedreht. Judith aber stirbt kurz nach Fertigstellung des Films. Die junge japanische Pianistin Makiko ist nach Paris gezogen und gibt in ganz Europa Konzerte.  Jason arbeitet für eine amerikanische Investmentfirma. In Tokio soll er den Kauf eines japanischen Traditionsunternehmens organisieren. Der Zoologe Luiz, der in Brasilien aufwuchs, lebt mit seiner jüdischen Frau und den zwei gemeinsamen Kindern in Tel Aviv, will aber weg aus Israel, weil er den politischen Wahnsinn im Land nicht mehr erträgt.

    Hannah Dübgen hat einen rasantes und zeitgemäßes Debüt geschrieben. Die vier sehr unterschiedlichen Biografien zeigen das gegenwärtige Problem brüchiger Bindungen in Beruf und Privatleben.

  • Tim, Uwe - Vogelweide
  • Vogelweide

    Tim, Uwe

    Vogelweide

    Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2013


    Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Uwe Timm die kurze, intensive Liebesbeziehung zwischen Anna und Eschenbach. Beide leben in glücklichen Beziehungen und brechen dennoch aus. Vom ersten Moment des Kennenlernens wird das Knistern und die Faszination spürbar, die beide füreinander empfinden, gegen die sie sich wehren und die sie sich nicht erklären können. Eingebettet in die rauhe, ja mystische Atmosphäre der Nordseeinseln Scharhörn und Neuwerk hinterfragt Uwe Timm die Macht des Begehrens, die sich häufig stärker erweist als die Liebe, letztlich aber keine Erfüllung bringt. Ein wunderbares Buch, das mit seinen vielschichtigen Gedanken und einer manchmal meditativen Ruhe zum Nachspüren der eigenen Gefühlswelt und vielleicht auch zum Innehalten anregt. Ein sehr lesenswertes Buch.

  • Taschler, Judith W. - Die Deutschlehrerin
  • Die Deutschlehrerin

    Taschler, Judith W.

    Die Deutschlehrerin

    Picus Verlag, 2013


    Haben Sie Lust auf ein Buch, das Sie nicht mehr aus der Hand legen, bevor Sie es zu Ende gelesen haben?
    Judith Taschlers Roman hat alles: Spannung, große Gefühle, Psychothriller und Emotion.

    Mathilde und Xaver sind seit Jahren ein Paar. Eines Tages verlässt Xaver Mathilde. Einfach so. Jeder geht seiner Wege, Mathilde wird Deutschlehrerin, Xaver ein gefeierter Jugendbuchautor. Nach 16 Jahren treffen die beiden sich zufällig (?) wieder, als Xaver zu einem Literaturworkshop eingeladen wird, ausgerechnet in die Klasse von Mathilde.

    Mit außergewöhnlichen Stilmitteln entwickelt die Autorin die Begegnung der Beiden von einem vorsichtigem Wiederannähern und Hinterfragen der Vergangenheit hin zu einer Auseinandersetzung, die eine erschreckende Wahrheit ans Licht bringt und den Atem stocken lässt. Ein spannendes Buch um Liebe, Enttäuschung, Rache und Schuld, mit einem bewegenden Ende.

  • Capus, Alex - Der Fälscher, die Spionin und...
  • Der Fälscher, die Spionin und...

    Capus, Alex

    Der Fälscher, die Spionin und...

    Hanser Verlag, 2013


    Jeder der drei Protagonisten in Capus´ neuem Roman erlangte eine gewisse Berühmtheit und ist doch gescheitert:Felix Bloch, Heisenbergs Assistent und Mitarbeiter am Atombomben-Projekt Oppenheimers, Laura D´Oriano, Tingel-Tangel-Tänzerin, als Spionin hingerichtet und Emile Gillieron, Kunstmaler und "Nachbesserer" archäologischer Fundstücke. Der Autor hat die historischen Vorbilder "geplündert", um drei exemplarische Schicksale zu porträtieren, die parallel ihre Träume lebten und doch mehr oder weniger scheiterten. Doch genau deshalb berühren sie den Leser sehr. Nebenbei erfährt man viel über die unglaublichen Verwerfungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

  • Ondaatje, Michael - Katzentisch
  • Katzentisch

    Ondaatje, Michael

    Katzentisch

    Hanser Verlag, 2018


    Drei Kinder, zu Beginn der 50er Jahre, auf einer Seereise von Ceylon nach England. Zu der buntgemischten Gesellschaft an Bord des Schiffes gehören Außenseiter, die wie sie am Katzentisch sitzen, und andere Reisegefährten, nicht zuletzt die aus der noblen Senatorenklasse. Sie alle sind geheimnisumwitterte Objekte der Sehnsucht oder der Spekulation: der Baron, der so elegant Mitreisende bestiehlt, der todkranke Millionär oder die Artistentruppe mit Wahrsager, in den sich Emily verliebt.

    Das ist keine Seefahrergeschichte mit Piraten und Seeungeheuern; diese wunderbare Geschichte von Ondaatje schöpft ihre Spannung aus dem Sehnen und Erleben der Reisenden in dem irritierenden Spiel mit verschiedenen Perspektiven und Erzählzeiten. "Katzentisch" zeigte mir seine Schönheit beim Innehalten und auf dem zweiten Blick.

  • De Carlo, Andrea - Sie und Er
  • Sie und Er

    De Carlo, Andrea

    Sie und Er

    Diogenes Verlag, 2018


    Wahre Liebe gibt es nicht. Nur Beziehungen, die ein wenig Sicherheit geben – so sieht es Clare. Oder Affären – so Daniel. Bei einem Autounfall  begegnen sich die beiden zum ersten Mal.

    Daniel hat eine halbe Flasche Wodka intus und fährt viel zu schnell. In der Peripherie von Mailand kommt es zum Crash – und zur ersten Begegnung mit Clare. Clare ist Amerikanerin und liiert mit einem Anwalt, der ihr die nötige Sicherheit gibt. Daniel ist Schriftsteller und Vater zweier halbwüchsiger Kinder. Die Literatur ödet ihn nur noch an, genauso wie die Frauen. Mit dem Unfall beginnt zwischen Clare und Daniel ein Wechselspiel von Anziehung und Abstoßung, von geschenkten und verpassten Momenten. Mailand, Ligurien, die Provence und Kanada sind nur die äußeren Stationen einer Suche nach Echtheit und Ehrlichkeit – in einer Liebe, die eigentlich kaum möglich scheint.

    Endlich mal wieder eine gerade erzählte Liebesgeschichte, die aufregend bleibt bis zum Showdown, die mich in die Herzen und Abgründe von "Sie" und "Er" blicken läßt.
    Wunderbar, ich habe einen  Autoren für mich entdeckt.

  • Medicus, Thomas - Melitta von Stauffenberg - Ein deutsches Leben
  • Melitta von Stauffenberg - Ein deutsches Leben

    Medicus, Thomas

    Melitta von Stauffenberg - Ein deutsches Leben

    rowohlt Verlag, 2018


    Als Melitta von Stauffenberg im Januar 1943 von Hermann Göring höchstpersönlich das Eiserne Kreuz II. Klasse erhält, ist dies der vorläufige Höhepunkt einer fast unglaublichen Karriere. Nicht nur beherrscht sie als Testfliegerin und Ingenieurpilotin alle damals bekannten Flugzeugtypen, hat sagenhafte zweitausend Sturzflüge absolviert, selbst ausgewertet und so den Bombenkrieg der Luftwaffe perfektioniert - sie bewahrt auch ein Geheimnis: "Flugkapitän Gräfin Stauffenberg" ist nach den Kriterien der Nazis eine "Halbjüdin".

    Nur mit Hilfe von ganz oben gelingt es ihr, den Fängen der Rassenjustiz zu entkommen - bis zum 20. Juli 1944. Enkelin eines jüdischen Textilhändlers aus Odessa, Schwägerin des späteren Hitler-Attentäters, Flugpionierin, tragische Himmelsstürmerin: Melitta von Stauffenbergs Geschichte erscheint fast wie ein Spiegelbild des 20. Jahrhunderts, das Eric Hobsbawn das "Zeitalter der Extreme" genannt hat. Ihre Liebe zum feingeistigen Althistoriker Alexander von Stauffenberg war genauso bedingungslos wie ihre Hingabe zur Fliegerei, die ihr am Ende zum Verhängnis wird.

  • Knödler, Christine - Mal deine Wünsche in den Himmel
  • Mal deine Wünsche in den Himmel

    Knödler, Christine

    Mal deine Wünsche in den Himmel

    Verlag, 2018


    Gedichte und Kunst quer durch die Jahrhunderte fügen sich zu diesem besonderen Hausbuch.
    Es wird die Freude am Klang der Sprache gefeiert und Bilderwelten werden eröffnet.
    Das Buch ist eine einzigartige Einladung Lyrik und Kunst kennen und lieben zu lernen.

  • Frascella, Christian - Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe
  • Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe

    Frascella, Christian

    Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe

    Frankfurter Verlagsanstalt Verlag, 2018


    Im Leben des jugendlichen Ich-Erzählers läuft streng genommen wenig rund.  Unser Held ist ein seltsamer Junge, zartfühlend und unausstehlich zugleich.
    Mit einer sensiblen Seele, die hinter " Gefährlicher Gott eigener Gnaden " versteckt wird, wummert der Hauptheld durchs italienische Dorfleben. Er hält sich für einen gnadenlosen Schlägertyp, der aber bei der Prügelei auf dem Schulhof im Handumdrehen auf dem Rücken landet.Doch allem Spott zum Trotz, den er mit seiner aufmüpfigen Art provoziert, gibt es für ihn keine brenzlige Situation, kein noch so peinliches Missgeschick, keinen noch so kritischen weiblichen Blick, den er nicht zu seinen Gunsten umzudeuten vermag.

  • Delacour, Grégoire - Alle meine Wünsche
  • Alle meine Wünsche

    Delacour, Grégoire

    Alle meine Wünsche

    Hoffmann und Campe Verlag, 2018


    Jocelyne, 47, führt einen Kurzwarenladen im nordfranzösischen Arras. Die Kinder sind aus dem Haus und Jocelynes ganze Leidenschaft gilt ihrem Internet-Blog übers Sticken, Nähen und Stricken. Sie liebt ihr kleines Leben, liebt sogar ihren ungehobelten Mann - bis durch einen riesigen Lottogewinn alles aus den Fugen gerät.
    Mich hat das Buch von der ersten bis zur letzten Zeile sehr gefangen genommen.

    In beeindruckendem Stil wird intimstes emotionales Erleben der Hauptperson und deren Umfeld auf geradezu „unspektakuläre Weise“ dargestellt. Berührend, liebevoll, respektvoll, nie voyeuristisch. Dabei wird durchgängig eine Spannung gehalten und das Ende ist so, dass es auch noch Raum für eigene Gedanken lässt.

  • Ford, Richard - Kanada
  • Kanada

    Ford, Richard

    Kanada

    Hanser Berlin Verlag, 2018


    Ein eigentlich harmloses, etwas verschrobenes Ehepaar wird durch eine Notlage kriminell. Wie die halbwüchsigen Kinder damit umgehen, auf welche Odyssee sie sich durch diese Situation begeben, wird hier lakonisch und dennoch berührend dargestellt. Wie kann man unter widrigsten Umständen dennoch weitermachen? Dies wird hier faszinierend skizziert.

  • Brett, Lily - Lola Bensky
  • Lola Bensky

    Brett, Lily

    Lola Bensky

    Surkhamp Verlag, 2018


    Die Protagonistin in Bretts neuem Roman interviewt als unsichere junge Australierin Ende der Sechziger inzwischen legendäre Rock- und Popstars von Mick Jagger bis Cliff Richard. Man liest einfühlsame Porträts von Menschen, die wir alle zu kennen glauben, die aber am Anfang ihrer Karrieren vielleicht ganz anders waren als die Klischees, zu denen sie geworden sind. Lily Brett gelingt der Spagat, diese teilweise doch etwas oberflächlichlichen Welten mit der erschütternden Holocaust-Vergangenheit ihrer Eltern (denn Lola ist ja wohl in Wirklichkeit Lily) zu kontrastieren. Dabei begleiten wir sie bei ihrem mühevollen, aber erfolgsgekrönten Weg zum Erwachsenwerden.

  • Frayn, Michael - Willkommen auf Skios
  • Willkommen auf Skios

    Frayn, Michael

    Willkommen auf Skios

    Hanser Verlag, 2018


    Auf einer sonnenglühenden griechischen Insel wird ein bedeutender Wissenschaftler erwartet, der in einer Luxusanlage, die zu einer milliardenschweren Stiftung gehört, einen Vortrag halten soll. Bei der Ankunft auf dem Flughafen übernimmt durch einen Irrtum ein charmanter Hochstapler seine Rolle und wird von den steinreichen Gästen der Stiftung hofiert und: die Vorsitzende und ihre Assistentin verlieben sich in ihn. Der echte Professor kommt unterdessen fast unter die Räder.

    Eine hochkomische Charade rund um die These: Der Mensch  "will"  betrogen werden.

  • Langer, Tanja - Der Tag ist hell, ich schreibe Dir
  • Der Tag ist hell, ich schreibe Dir

    Langer, Tanja

    Der Tag ist hell, ich schreibe Dir

    Verlag, 2018


    Das Buch "Der Tag ist hell, ich schreibe Dir" von Tanja Langer hat mich weit über das Lesen der letzten Seite hinaus tief berührt!

    In einer wunderbaren Sprache, die einen Sog erzeugt, dem man sich nicht entziehen kann, mit Sätzen, die einen zwingen, erst einmal vom Buch aufzublicken und innezuhalten, erzählt Tanja Langer von der Freundschaft und Liebe zwischen einer noch ganz jungen Frau, die gerade ihr Abitur macht, und einem 30 Jahre älteren Mann, der Aufsichtsratsvorsitzender einer bedeutenden Bank ist und bis zu seinem jähen Tod durch ein Attentat weltweit Einfluss nimmt.

    Es ist trotz der enormen Unterschiede, die sich längst nicht nur auf das Alter beziehen, eine Beziehung auf Augenhöhe, "eine Liebe, die frei macht" und so alle Ressentiments, Schranken und Kategorisierungen schwinden läßt.

    Möchte man der Welt ein menschlicheres Antlitz geben, so wird es wohl nötig sein, nicht nur über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, sondern auch den Focus immer wieder auf den Einzelnen zu richten, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass jede Beurteilung, jede Entscheidung letztlich Einzelschicksale betrifft, denen wir schon deshalb mit Respekt zu begegnen haben, eben weil wir sie nicht kennen.

    Das Buch erzählt auch davon, wie es dazu kam, dass es geschrieben wurde, und da die Geschichte auf wahren Begebenheiten aus dem Leben der Autorin fußt, muss man Tanja Langer dankbar sein, dankbar für ihre Bereitschaft, all diese Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen mit ihren Lesern zu teilen und eine mühsam verheilte Wunde erneut aufzureißen.

    "Der Tag ist hell, ich schreibe Dir" ist ein sehr persönliches, intimes Buch, das einen mit jeder Faser mitfühlen läßt. Es dokumentiert dabei verschiedene Zeitabschnitte der jüngeren und jüngsten Vergangenheit und birgt in all dem eine große Aussagekraft.

  • Kawakami, Hiromi - Bis nächstes Jahr im Frühling
  • Bis nächstes Jahr im Frühling

    Kawakami, Hiromi

    Bis nächstes Jahr im Frühling

    Hanser Verlag, 2013


    Noyuri und Takuya leben seit sieben Jahren in einer leidenschaftslosen und ereignisarmen Ehe in Tokio. Durch einen anonymen Anruf erfährt Noyuri, dass ihr Mann ein Verhältnis mit einer Arbeitskollegin hat. Erst jetzt, als die Frage der Trennung im Raum steht, merkt Noyuri, wie sehr sie an Takuya hängt. Dennoch wagt sie den Versuch, auf eigenen Beinen zu stehen.

    Hiromi Kawakami versteht es meisterhaft, zunächst fast emotionslos und distanziert, dann aber immer dichter werdend, die Gefühle, Ängste und Gedanken einer japanischen Frau im Hinblick auf eine mögliche Trennung zu schildern. Sie erweckt damit beim Lesen die typische Empfindung, die wir Europäer bei einer Annäherung an die japanische Lebensweise verspüren: Erst freundlich und verbindlich, ohne viele Worte und mit grenzenlosem Langmut, dann aber ein Aufwachen aus der Erstarrung und der tiefen und ernsten Stimmung mit konsequenten Reaktionen. Ein einfühlsames, lesenwertes Buch.

  • Feric, Zoran - Das Alter kam am 23.Mai gegen 11 Uhr
  • Das Alter kam am 23.Mai gegen 11 Uhr

    Feric, Zoran

    Das Alter kam am 23.Mai gegen 11 Uhr

    Verlag, 2018


    Mit diesem Roman gelingt dem kroatischen Autor Zoran Feric ein realistisches Epos der Gegenwart seines Landes.
    Die Schülerinnen und Schüler einer Zagreber Abiturklasse, inzwischen alle um die siebzig, wiederholen auf Wunsch des Erzählers ihre Abiturfahrt. Der Erzähler hofft und wünscht sich, auf diesem Weg seine große Liebe wiederzutreffen.

    Dramaturgisch so gelassen wie kunstvoll wechselt die Romanhandlung zwischen der Gegenwart auf dem Schiff, einem Abtasten, was aus den anderen gewordenist und den fernen Erinnerungen.
    Eher beiläufig kommt Feric auf den letzten Krieg zu sprechen und eigentlich geht es immer wieder um die Liebe, so einfach und so kompliziert.
    Ein monumentaler Roman über die Liebe - sarkastisch, frech und weise erzählt.

  • Lange, Hartmut - Das Haus in der Dorotheenstraße
  • Das Haus in der Dorotheenstraße

    Lange, Hartmut

    Das Haus in der Dorotheenstraße

    Diogenes Verlag, 2013


    Kleine, aber prägnante Geschichten aus dem ins Ländliche übergehenden Villenbereich im Südwesten Berlins. In verträumten, vermeintlich harmlosen Vorstadt-Idyllen lässt Hartmut Lange unmerklich grusliger werdende Beziehungs-Katastrophen stattfinden. Das immer nur angedeutete Grauen lässt an Edgar Allan Poe denken. Krähen, Schatten und Nebel spielen eine entscheidende Rolle. Bei aller Lakonie sehr poetisch. Natürlich besonders für Zehlendorfer interessant. 

  • Appelt, Kathi - Das Meer und das Mädchen
  • Das Meer und das Mädchen

    Appelt, Kathi

    Das Meer und das Mädchen

    Ravensburger Verlag, 2018


    Ein kleines Universum. Im Zentrum dieser Welt leben ein Mädchen, eine junge Frau, ein junger und ein steinalter Mann, zwei Hunde, ein Kater und eine Möwe. Es gibt ein spukblaues Haus, einen schmalen Streifen Strand, eine Lagune, ein Sumpfgebiet, eine Sandbank und dahinter das blaue Meer. Es ist Mittsommernacht und wenn der nachtblühende Kaktus seine Blüten entfaltet, dann gehen Wünsche und eine große Liebe endlich in Erfüllung. So soll es sein, aber der Tag fängt anders an, als die Helden es sich wünschen.
    Und so müssen viele Wege gegangen werden, die fast in Katastrophen enden, bis der Roman uns mit seiner magischen Sprache in ein glückliches Ende entlässt.

  • Schindel, Robert - Der Kalte
  • Der Kalte

    Schindel, Robert

    Der Kalte

    Suhrkamp Verlag, 2013


    Zentralperson des Romans ist der KZ-Überlebende und Spanienveteran Edmund Frank. Er ist "der Kalte", weil er seine Gefühle vergraben hat auf Grund der biographischen Erschütterungen. Erst die Begegnung mit einem ehemaligen KZ-Aufseher reißt ihn aus seiner Erstarrung. Um diese Hauptgestalt gruppieren sich andere, die in der politischen und kulturellen Realität des Wiens der 80er Jahre (Waldheim-Wahl!) auf vielfache Weise schicksalhaft miteinander verwoben sind. Ein sehr detailverliebter, das Aroma Österreich hervorragend widerspiegelnder Roman. 

  • Selasi, Taiye - Diese Dinge geschehen nicht einfach so
  • Diese Dinge geschehen nicht einfach so

    Selasi, Taiye

    Diese Dinge geschehen nicht einfach so

    Fischer Verlag, 2013


    Kwaku, einer der besten Chirugen in Boston, muß gehen, als eine Patientin unter der OP an Herzversagen stirbt. Muß er gehen, weil er schwarz ist? Er verläßt auch seine Familie, die dann viele Jahre über Weltstädte und Kontinente zertreut lebt. Nun trifft sich die Familie in Ghana nach vielen Jahren wieder. Kwaku lebte dort mit seiner 2. Frau, als er an Herzversagen starb. "Diese Dinge geschehen nicht einfach so". In diesem wunderbaren Roman wird die Geschichte von Weltbürgern afrikanischer Herkunft erzählt, die auf der Suche nach ihrer Identität weite Wege gehen.

  • Shamir, Igal - Hitlers Violine
  • Hitlers Violine

    Shamir, Igal

    Hitlers Violine

    Verlag, 2018


    Warum hat Hitler den deutschen Geiger Gustav Schultz 1940 nach einem Konzert auf einem französischen Schloss hinrichten lassen? Was hat den mörderischen Zorn des Diktators erregt? Ein halbes Jahrhundert später versucht Gal Knobel, Geigenvirtuose und ehemaliger Agent des israelischen Geheimdienstes, dem Geheimnis von damals auf die Spur zu kommen. Welche Rolle spielt Kardinal de Morillon und was hat der um 1680 auf mysteriöse Weise verschwundene Komponist Rossi, ein Zeitgenosse Monteverdis, mit dem Tod des Geigers Schultz zu tun?  Die gefährliche Suche führt Gal Knobel nicht nur in die Archive des Vatikans, nach Florenz und Venedig, sondern auch zu den Verstecken einiger überlebender Alt-Nazis.

    Ein außergewöhnlicher, spannender und fesselnder Kriminalroman mit historischen Bezügen, der auf wahren Tatsachen beruht und autobiographische Züge trägt. Igal Shamir, später selbst ein renommierter Geiger, war nach dem Krieg als Mossad-Agent an der Verhaftung von Eichmann beteiligt. Ein Buch, das spannend bleibt bis zum überraschenden Ende.

  • Moehringer, J.R. - Knapp am Herz vorbei
  • Knapp am Herz vorbei

    Moehringer, J.R.

    Knapp am Herz vorbei

    Fischer Verlag, 2013


    Es ist die angeblich wahre Geschichte eines im Amerika der 1.Hälfte des 20.  Jh. als Held verehrten Bankräubers, der bei seiner  "Arbeit" viel Phantasie entwickelte und außer den Banken niemand körperlich schädigte.
    Nach seiner letzten Haftverbüßung wird er nach 17 Jahren alt und krank entlassen. Sofort vereinnahmt ihn eine Zeitung für ihre Exklusivgeschichte; seine  Bedingung: die Chronologie der Ereignisse im Stadtplan von New York nachzuzeichnen. Ein Journalist und ein Photograph fahren mit ihm durch die Stadt. Der Roman ist so raffiniert aufgebaut, daß einmal im persönlichen Gespräch die Ereignisse an den entscheidenden Punkten lebendig werden, dann aber die Erzählung präzisiert wird mit dem realen Verlauf. Man lernt Amerika in den schweren Depressionen der 20ger bis 40ger Jahre kennen mit all den schweren sozialen Verwerfungen. Mich hat das Buch ungeheuer gefesselt, ein besonderer Genuß ist die Hörbuchfassung mit Burkhart Klaußner. Beides sehr zu empfehlen!

  • Goebel, Joey - Ich gegen Osborne
  • Ich gegen Osborne

    Goebel, Joey

    Ich gegen Osborne

    Diogenes Verlag, 2013


    Hier begehrte einer auf: gegen Oberflächlichkeit, Dummheit und den mainstream. Joey Goebel (Jahrgang 1980) lässt seinen "Helden" James (16) auf die Schul-Horde, die all diese negativen Eigenschaften verkörpert, los - er rennt gegen Wände, schlüpft aber auch durch Zwischenräume und ermöglicht sich und anderen dadurch Inseln der Menschlichkeit und des Humors. Eine bewegende und doch immer auch rasend komische amerikanische Highschool-Geschichte. Der hochdramatische Verlauf der Story wäre gar nicht notwendig, macht die Sache aber spannend.

  • Lüscher, Jonas - Frühling der Barbaren
  • Frühling der Barbaren

    Lüscher, Jonas

    Frühling der Barbaren

    C.H.Beck Verlag, 2013


    Was geschieht, wenn ein Staat Bankrott anmelden müsste?
    Mit gesperrten Kreditkarten, gestrandet in der Wüste, plötzlich überschuldet und arbeitslos….
    In brillianter Sprache lässt Jonas Lüscher dieses Szenarium Wirklichkeit werden und schildert die Erlebnisse des Schweizer Fabrikerben Preising, der in einem tunesischen Oasenresort zur Hochzeit reicher, junger Engländer aus der Londoner Finanzwelt eingeladen wird. Während die Festgesellschaft sich in ihren Betten noch von den Strapazen des ausschweifenden Festes erholt, verkündet England den Staatsbankrott. Aus drei verschiedenen Erzählperspektiven schildert Lüscher mit sehr viel Sinn für Komik, Ironie und Spannung die Ereignisse, die aktueller nicht sein könnten. Ein sehr unterhaltsames und amüsantes Buch, das sich besonders durch seine außerordentlich bildhafte Ausdrucksweise auszeichnet. Ein großes Vergnügen, dieses Buch zu lesen.

  • Köhlmeier, Michael - Die Abenteuer des Joel Spazierer
  • Die Abenteuer des Joel Spazierer

    Köhlmeier, Michael

    Die Abenteuer des Joel Spazierer

    Hanser Verlag, 2013


    Dieses Buch ist ein herrliches Lese-Erlebnis!
    Als "Schelmenroman" angekündigt führt der Ich-Erzähler den Leser mit Vor-und Rückblenden durch die vielfältigen und abenteuerlichen Lebenssituationen des absolut nicht harmlosen Schelms. Er ist ein Gauner, Fälscher, Dieb, Mörder, Sträfling, skrupellos und gefühlskalt. Aber merkwürdig, als Leser ist man alsbald an seiner Seite und möchte, daß er irgendwie durchkommt.... Seine Familie ist 1956 aus Ungarn geflüchtet. Er wuchs in Österreich auf, ein freundlicher, hübscher und pfiffiger Junge, stets mit viel Sympathie umgeben. Aber alsbald wird dieses begabte Kind zu einem perfekten Schwindler und Dieb. Er wechselt Namen und Identität, durchlebt gute und genußvolle Zeiten. Sein Charme, sein sicheres Auftreten, seine guten Manieren öffnen ihm viele Türen. Seine kriminelle Karriere führt ihn durch die halbe Welt. Dann wieder landet er als Hungerleider irgendwo. Dieses bewegte Leben ist mit großer Fabulierkunst erzählt, das Zeitgeschehen der 60iger bis 80iger Jahre als Hintergrundfolie mit einbezogen. Im letzteN Kapitel spielt der Hochstapler in der DDR noch einmal eine große perfekte Rolle und täuscht die Staatsmacht als Professor für "Wissenschaftlichen Atheismus". So ist das Buch bis zum Schluß voll von Einfällen, Anekdoten, Lügen, Märchen, Geistesblitzen und ein Wirbel an Ereignissen.

  • Shafak, Elif - Die vierzig Geheimnisse der Liebe
  • Die vierzig Geheimnisse der Liebe

    Shafak, Elif

    Die vierzig Geheimnisse der Liebe

    Kein & Aber Verlag, 2018


    In diesem Roman singt die türkische Autorin Elif Shafak, ein st Feministin und Anarchistin, ein Loblied auf die Tradition der sufische Mystik und deren Sinnenfreuden. Ella hat einen Ehemann, drei Kinder im Teenageralter und ein schönes Zuhause in einer amerikanischen Kleinstadt. Eigentlich sollte sie glücklich sein, in ihrem Herzen breitet sich aber zusehends eine Leere aus, die früher von Liebe gefüllt war. Doch als sie als Gutachterin für eine Literaturagentur tief in einen Roman über den Sufi-Dichter Rumi, den Derwisch Schams und die vierzig geheimnisvollen Regeln der Liebe eintaucht, stellt sie sich und ihr Verhältnis zu der sie umgebenen Welt auf den Prüfstand. Besonders gerne habe ich den Roman im Roman gelesen. Wie die Kraft der spirituellen Liebe und die Sehnsucht des Herzens nach dem Unfassbaren das wohlsortierte Leben Rumis ins Wanken bringt und wie aus dem Gelehrten der große persische Lyriker wird.

  • Waldman, Amy - Der amerikanische Architekt
  • Der amerikanische Architekt

    Waldman, Amy

    Der amerikanische Architekt

    Schöpfling & Co. Verlag, 2018


    Dieser Roman fordert den Leser in seiner Emphatie immer wieder heraus. Dialoglastig und und klug komponiert erzählt Waldmann vom Selbstfindungsprozeß der amerikanischen Gesellschaft nach den Anschlägen vom 9. September 2001. Die Geschichte um einen indischstämmigen Moslems, der die Ausschreibung für eine 9/11-Gedenkstätte gewinnt, zeigt die einzelnen sehr unterschiedliche Interessen bei der Suche nach dem geeigneten Mahnmal. Es geht um Prinzipientreue, Machtinteressen, Sehnsüchte, Rachegefühle und wie diese einander bedingen.
    Das Buch hat mich  stark berührt und mir meinen Blickwinkel während des Lesens verrückt.

  • Ruge, Eugen - Cabo de Gata
  • Cabo de Gata

    Ruge, Eugen

    Cabo de Gata

    rowohlt Verlag, 2018


    Ich habe das Buch sehr gerne und mit großem Lesevergnügen gelesen. Eigentlich ist es eine Novelle, in der ein angehender Schriftsteller zu einer Heiterkeit findet, die ihn die Welt wieder als real empfinden läßt. Ein in der DDR sozialisierter Wissenschaftler, hängt nach der Wende seinen sicheren Job an den
    berühmten Nagel, um Schriftsteller zu werden. Geschieden, abhängig vom Geld des der DDR nachweinenden Vaters, löst der Mann seine Wohnung und seine Versicherungen auf, um sich frei von den irdische Dingen auf eine Reise zu begeben.
    Bewundernswert heiter und unaufgeregt erzählt Eugen Ruge uns von diesem Mann.

  • Morsbach, Petra - Dichterliebe
  • Dichterliebe

    Morsbach, Petra

    Dichterliebe

    Knaus Verlag, 2013


    Der Autorin gelingt ein ungemein dichtes und spannendes Poträt eines Ex-DDR-Dichters, der nur so halbwegs im Nachwende-Deutschland angekommen ist. In einem ostfrieseschen Spipendiaten-Heim lässt er die kleinen Triumphe und großen Niederlagen seines Lebens - im Privaten, Beruflichen und Politischen- Revue passieren und versucht zarte Bande zu einer Mit-Stipendiatin zu knüpfen. Petra Morsbach lässt auf subtile und kenntnisreiche Weise Original-Zitate aus der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts einfließen und ergänzt so die Illustration des Geschehenen. Dabei denunziert die ihre Hauptgestalt trotz aller spöttischen Beschreibungslust nicht. Sehr, sehr vergnüglich.